EXILPLAN - Multimedialer Workshop in Marseille 

08. - 14. Juli 2009


Abenteuer Fremde - Exilliteratur in Südfrankreich - Streetart entdecken und fotografieren - Kunstperformance - Schreibatelier –  Besuch des MAC......


Das Programm der 10 Schüler/innen aus S1 war vielfältig, als sie am 08.07.2009 ins Flugzeug stiegen, um zunächst nach Paris und dann weiter mit dem TGV nach Marseille zu gelangen. Es gab auch starke Befürchtungen, ob die teilweise gar nicht vorhandenen Französischkenntnisse zur Verständigung und zur Teilnahme an dem deutsch-französischen “Multimediaworkshop”  ausreichen würden. Nicht alle kamen aus dem Französischkurs. Als wir dann leicht unterkühlt und müde am Bahnhof St. Charles aus dem vollklimatisierten Zug ausstiegen, empfing uns wohlige Wärme, ein strahlend blauer Mittelmeerhimmel und ein atemberaubender Blick über die Dächer hin zur “Bonne Mère”, einer großen Statue, die auf einem Hügel stehend über die Stadt wachte und uns aufmunternd zuzwinkerte. Nein, so versicherten wir Sabine, der Organisatorin des uns empfangenden Kulturvereins “Passage & Co” und ihren beiden äußerst netten, zweisprachigen Praktikanten Rebecca und Benedict, wir wollten nicht gleich den Hügel erklimmen, sondern lieber erst einmal unsere Unterkunft beziehen. Diese hatte durchaus französischen Charme. Kleine Zimmer in einem Mädchenpensionat, das im Sommer zu einem Hotel umfunktioniert wurde. Hinauf führte uns eine schmale, gewundene Treppe mit ungefähr 500 Stufen. Der alte Hafen war nicht weit und auch der beliebte, abendliche Treffpunkt, der “Place Julien“, befand sich gleich um die Ecke.  Außerdem gab es noch einen verträumten Hinterhof, wo man sich unter Palmen ausruhen konnte. Daraus wurde allerdings nicht viel in den folgenden Tagen.


Den Kontakt zu Sabine Günther und dem Verein, der den Workshop ausrichtete, konnte erfreulicherweise Frau Wulff durch vorhergehende Projekte mit ihren Lerngruppen vermitteln, als sie an unsere Schule kam. “Passage & Co” beschäftigt sich auf verschiedene Weise mit historischer Erinnerung und insbesondere mit der Erinnerung an das Exil, wie es sich vor und während des 2. Weltkrieges für viele aus Deutschland vertriebene Künstler und Intellektuelle gestaltete, und mit dem, was es heute für zahlreiche Menschen bedeutet, die ihre Heimat verlassen wollen oder müssen. In den ersten Tagen erkundeten wir im Rahmen einer Fotowerkstatt unter der Leitung von Michèle Sainte-Beuve das Belsunceviertel mit seinen letzten noch vorhandenen Einwandererhotels, in denen einst z. B. auch Anna Seghers auf der Flucht vor den Nazis  mit ihren Kindern gewohnt hat. Verarbeitet hat sie ihre Eindrücke in dem Roman „Transit“, den wir alle in unserem Reisegepäck hatten. Es entstanden zahlreiche eindrucksvolle Fotos von den z.T. noch bewohnten Hotels. Lange wird es diese steinernen Zeitzeugen wohl nicht mehr zu sehen geben, da Marseille 2013 Kulturhauptstadt sein wird und umfangreiche Gelder zur Renovierung in die Stadt fließen. Mit einigen Bewohnern dieses Viertels sind wir ins Gespräch gekommen und es entstanden eindrucksvolle Fotos.


Zu dem Themenbereich Exilliteratur gehörte auch ein Tagesausflug nach Sanary-sur-Mer. Zunächst sahen wir nur einen kleinen, netten, touristischen Ort: Hafen, Schiffe, Aussichtsturm, Marktstände  mit Käse, Melonen, Oliven und Baguette. Aber Rebecca und Benedict hatten eine Art Schnitzeljagd für uns vorbereitet und so entdeckten wir nach und nach die zahlreichen Häuser und Villen, in denen vor Verfolgung durch die Nazis fliehende, häufig deutsche Literaten einige Zeit gelebt hatten. Es muss, so ahnten wir schließlich, eine richtige Künstlerkolonie gewesen sein und wir wanderten nun auf ihren Spuren. Bekannte Namen tauchten auf: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und viele andere. Vor ihren Häusern stehend lasen wir aus ihren Briefen und Texten vor. Zugegeben bei der großen Hitze war das ein nicht ganz einfaches Unterfangen, aber die beiden Praktikantinnen hatten sich so viel Mühe gegeben, da hielten wir bis zum Schluss durch und schließlich wurde es noch ein schöner Strandnachmittag mit Pique-nique. Dass wir unter Frau Wulffs kundiger Führung dann der Küste entlang noch einige Kilometer nach Bandol zur nächsten Bahnstation laufen durften, will ich hier nicht weiter ausführen. Einige Teilnehmer/innen wissen jedoch heute, dass Flipflops nicht die besten Wanderschuhe sind, besonders wenn es bergab geht. Den allerletzten Zug haben wir jedenfalls erreicht.


Es gab noch viele interessante Programmpunkte und da vieles übersetzt wurde und alle sehr aufeinander zugingen, waren fehlende Sprachkenntnisse, entgegen aller anfänglichen Befürchtungen, kein Problem. Als etwas ganz Besonderes  ist mir auch der Rundgang durch die Straßen um den Cours Julien unter Führung der quirligen Antonella in Erinnerung geblieben. Mit ihr entdeckten wir Graffitis, Texte und Pochoirs (mit Hilfe von Schablonen aufgesprayte Abbildungen) auf den Wänden und Mauern von Marseille, die wir wohl sonst kaum beachtet hätten. Außergewöhnlich war auch der Besuch im MAC, dem „Musée de l‘Art Contemporain“ (Museum für zeitgenössische Kunst), wo uns der Künstler Julien Blaine selbst durch seine Ausstellung führte.


“Marseille ist toll”, sagte am Schluss bei einem Couscous-Abschiedsessen in einem kleinen, arabischen Restaurant eine  Schülerin zu mir. “ Irgendwie ist die Stadt wie ein einziges, großes Schanzenviertel”.  Aus dem Mund einer jungen Hamburgerin wohl ein riesiges Kompliment.



Susanne Strohfahrt, Lehrerin für Französisch und Deutsch sowie Fachleiterin Französisch am Walddörfer-Gymnasium Hamburg, Artikel erschienen im FORUM 108, Schulzeitung des Walddörfer-Gymnasiums (Januar 2010)

Workshopteilnehmer/innen ❘ Participant/es - Sommer 2009 / Été 2009


Katharina, Jacqueline, Nina, Joana, Hannah, Camilla, Magdalena, Viktoria, Sianka, Thorben, Lucile, Marianne, Rebecca, Benedikt, Birgit, Charlotte, Susanne, Maike


Workshopanimateure ❘ Artistes-Animateurs


Marine Vassort (Schreibwerkstatt ❘ Atelier d‘écriture), Michèle Sainte-Beuve (Fotoworkshop ❘ Atelier photo),

Valérie Mitard, Antonella Fiori (Street-art-Workshop, Strassenaktion ❘ Atelier street-art, Action de rue)


Vortragende ❘ Intervenants


Julien Blaine - Performeur, Poète sonore / Performer, Dichter

Jessica Cohen - Coordinatrices des projets „Stolpersteine“ en France / Koordinatorin der Stolperstein-Projekte in Frankreich



Workshopleitung ❘ Direction


Sabine Günther


Begleitung der Hamburger SchülerInnengruppe ❘ Encadrement du groupe allemand


Susanne Strohfahrt, Maike Wulff (Walddörfer Gymnasium, Hamburg)


PraktikantInnen ❘ Stagiaires


Benedikt Frantz, avec/mit Rebecca Dovergne - Mise en place d‘un jeu de piste sur les traces des écrivains allemands et autrichiens exilés à Sanary-sur-Mer / Ausarbeitung einer Schnitzeljagd auf den Spuren deutscher und österreichischer Exil-Schriftsteller in Sanary-sur-Mer

Rebecca Dovergne - Photos/Fotos

Birgit Sergeant



Fotos ❘ Photos


Sabine Günther, Maike Wulff, Katharina, Jacqueline, Nina, Joana, Hannah, Camilla, Magdalena, Viktoria, Sianka, Thorben, Lucile, Marianne, Rebecca, Benedikt, Birgit, Charlotte