I. Literarischer Stadtrundgang auf den Spuren deutscher Reisender und Emigranten im 19. und 20. Jh.



Stadtgeschichte


Zunächst ist Marseille, die als älteste Stadt Frankreichs gilt, ein Hafen, errichtet und ausgebaut in vielen Zuwanderungswellen. 600 v.Chr. kamen griechische Kaufleute und fanden einen idealen Siedlungsort. Nach der Legende kam es zur Hochzeit zwischen der Königstochter des Stammes der Saluvier und dem Anführer der Griechen. So entstand Massalia, das Haus („Mas“) der Saluvier. Idealer Siedlungsort bedeutete insoweit, einen sicheren Hafen in des Wortes realer Bedeutung: Ein langer, schmaler Zugang zum Meer, der gegenüber (potentiellen) Eindringlingen leicht abzusperren war. Folgerichtig wurden in der Neuzeit beide Seiten der Hafeneinfahrt mit militärischen Einrichtungen gesichert, die Forts St. Nicolas und St. Jean. Von der Landseite wird das Stadtgebiet von zwei Bergketten umschlossen und bildet so ein ein in früheren Zeiten schwer zugängliches Territorium, geformt wie ein Amphitheater.


Gestaltet wurde die alte Stadt von fremden Zuwanderern und Aggressoren, die auf die Griechen folgten: Sarazenen, römische Kolonisatoren, landflüchtige Bauern aus umliegenden Regionen, Einwanderer aus italienischen Gebieten, Korsen. Erst im 15. Jahrhundert (1481), als ein Ergebnis der Kreuzzüge eroberte der französische Norden Okzitanien. Mithin fällt auch Marseille unter die Herrschaft der französischen Könige. Seither gestalteten sich die Beziehungen zwischen der Stadt und der (externen) Zentralgewalt bis in die heutigen Tage konfliktreich - von Gegensätzen und Widersetzlichkeiten geprägt.


Marseille wächst auf der Basis seiner günstigen geografischen Lage und mit seinen maritimen (Ver-)Bindungen und blüht auf mit den kolonialen Beziehungen Frankreichs.


An der Nordseite des alten Hafens liegt das Viertel Le Panier, das einstige korsische Viertel. Im 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert galt es als Schande hier zu wohnen – im Milieu der Seeleute, der Hafenprostitution und –kriminalität. Diesem von den Marseiller Bürgern gemiedenen Viertel gegenüber, dort, wo sich heute auf Straßen und Plätzen tausende Touristen zum Essen versammeln und feine Läden locken, lagen einst die Docks, die Schiffswerkstätten, standen die Speicher, verbanden Kanäle die Hafenbecken. Dort ankerten Galeeren, von dort brachen Kreuzfahrerflotten auf und an den Kais wurde tote Ware und lebende Fracht – Tiere, Sklaven, Kriegs- und Kolonialtruppen - umgeschlagen.


Wie die englische Seeblockade zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigte, machte die Abhängigkeit vom Meer verwundbar: Der Handel von See her kam zum Erliegen mit der Folge ökonomischen Niedergangs, der seinerseits Hungerkrisen nach sich zog.


Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als für adlige und gehobene bürgerliche und in ihrem Gefolge auch für intellektuelle Schichten Vergnügungsreisen und Sommerfrische zu Bestandteilen ihres Lebensstils wurden, waren es vor allem englische Touristen, die die französische Riviera als exquisites Ziel entdeckten. Auf der Suche nach Pittoreskem und Exotischen geriet Marseille in das Blickfeld dieser zivilisationsflüchtigen Bewegung. Für viele in- und ausländische Romantiker, drunter auch Heine, Hugo, Flaubert wird Marseille zu einer beliebten Durchreise- und Verweilstation.


Die reisenden Intellektuellen zeichnen ein klischeehaftes Bild von der Stadt, die weder Altertümer noch Denkmäler kenne, stattdessen Sonne und Meer, sonst nichts. Marseille sei eine ungebildete vom Geschäft geprägte Stadt, deshalb sei die lächerlichste Geste für einen Marseiller, ein Buch in der Hand zu halten. Aber es sind nicht nur die intellektuellen Reisenden, die in Marseille zur Feder greifen, es sind auch die Frauen der einheimischen und zugereisten Kaufleute. Letztere führen Tagebücher und legen so (kulturelles) Zeugnis ab über das (bürgerliche) Leben in der Stadt.


Der ökonomische Aufstieg der Stadt zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhunderts veränderte das Stadtbild. Für die repräsentativen Bauten des Bürgertums wurde Bauplatz benötigt. Der respektlose Umgang der lokalen Macht mit dem historischen Erbe der Stadt entsprach den Bedürfnissen der aufstrebenden bürgerlichen Schichten. Am alten Hafen wurde das Arsenal abgerissen und nach Toulon verlegt. Aus einer unscheinbaren Gasse erwächst die Prachtstraße La Canebière. Die bereits im 15. Jahrhundert errichtete Börse, angeblich die älteste Frankreichs, wird von der Nordseite des alten Hafens hinüber in die neue entstehende (Innen-)Stadt verlegt. Palais, Hotels, Museen, Kanalisation werden entstehen. Auf einem Felsen über der Stadt wird anstelle einer im 13. Jahrhundert erbauten Kapelle die Kirche Notre Dame de la Garde errichtet.


Ab dem 1. Weltkrieg verliert der Hafen an Bedeutung – u.a. auch wegen der Konkurrenz mit Odessa.


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird unweit der Canebière beginnend eine zweite Verkehrsschneise durch die Stadt geschlagen – die Rue de la Republique. Diese zweite repräsentative Straße des neuen Marseilles sollte die Funktion erfüllen, reiche, kosmopolitische und kolonial geprägte Bürger an die Stadt zu binden. Tatsächlich konnte dieser so strukturierte Stadtteil die ihm zugedachte Aufgabe nur teilweise erfüllen. Die Anziehungskraft der Stadt auf (intellektuelle) Reisende war jedoch ungebrochen. Zu einer (konstruktivistischen) Attraktion aus Beton und Eisen – analog zum Pariser Eifelturm - wird die Schwebefähre, die die beiden Ufer des alten Hafens verbindet, der Pont Transbordeur. Von den deutschsprachigen Intellektuellen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Marseille besuchen sind u.a. zu nennen: Kurt Tucholsky, Joseph Roth, Klaus und Erika Mann.


Eine besondere Anziehungskraft übt das Panier–Viertel aus mit seinen spezifischen Gewerben, den Schnittstellen zwischen Legalität und Kriminalität, seinen Milieus der Gestrandeten, Verfolgten und Drogenkonsumenten, dem Flair des Verruchten, des Geheimnisvollen. Ernst Jünger trifft 1913 als 16jähriger auf seiner Flucht aus dem Elternhaus in Marseille ein, um sich von der Fremdenlegion rekrutieren zu lassen. Auf seinen Weg zum Fort St. Jean wird er von den Eindrücken, die ihn in dem „spelunkenhafte Viertel“, dem Panier-Viertel, überwältigen, zugleich angezogen wie abgestoßen. Joseph Roth spricht in pathetischen Beschreibungen von der „Gasse der Liebe“.


Zu den jüngsten Einwanderungs- und Flüchtlingsbewegungen, die Marseille mit prägten und bis heute beeinflussen, gehören:


Flüchtlinge infolge des 1. Weltkriegs, u.a. Armenier aus der Türkei; Emigranten infolge der faschistischen Entwicklungen in Deutschland, Österreich, Spanien, Italien und des zweiten Weltkriegs; Einwanderungen infolge der Entkolonisierung aus dem Maghreb, aus Schwarzafrika, Indochina, Korsika, von den Komoren. Einwanderung seit Mitte der 50iger Jahre des 20. Jahrhunderts infolge des Algerienkrieges (algerische Unabhängigkeit 1962) durch repatriierte Franzosen („Pieds Noirs“) und den ihnen verbundenen Algerier mit französischem Pass („Harkis“) Arbeitsmigration und Armutseinwanderung.


Festgehalten werden kann, dass das Fremde und Exotische der Stadt Marseille von ihrer Gründung an als eigentümlich anhaftet.



Vortrag und Gespräch über die politische und wirtschaftliche Situation in Marseille bei Ausbruch des 2. Weltkriegs


1. Welle der Exillierten vor 1933 in die Künstlerkolonie Sanary-sur-Mer

2. Welle der Exillierten nach 1933 zu verstehen als Versuch der Verfolgten, aus Deutschland und Europa herauszukommen. Als „Absprungländer“ in das außereuropäische Ausland gibt es außer Frankreich, dem „Basisland“ für die Exillierten, noch England und – bedingt – die Schweiz.

Die Aufnahme erfolgt in Frankreich seit 1936 auf der Grundlage der Minimalstandards der Völkerbundvereinbarung, die bestimmte Aufnahmepapiere voraussetzt. Nach der Kapitulation Frankreichs haben die Flüchtlinge keinen rechtlich abgesicherten Status mehr.

Mit Kriegsbeginn werden Deutsche, Österreicher und Italiener zu feindlichen Ausländern erklärt und anfangs in Sammellagern (z.B. Sportarenen) und später in Konzentrationslagern Gurs, Le Vernet, Rivisaltes etc. inhaftiert. Sie gelten als 5. Kolonne. In Paris sind es einige Sportstätten, in der Provinz sind es ca. 100 Lager (z.B. die Ziegelei in Les Milles, Scheunen, Schuppen, Zirkuszelte etc.)

Zunächst werden die 20- bis 48jährigen Männer inhaftiert; ab dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien (Sommer 1940) werden auch Frauen und Jugendliche eingesperrt; alsbald wird die Alterspanne für Männer bis zu den 65jährigen erweitert.

Der Inhaftierung kann entgehen, wer sich zur Fremdenlegion meldet oder bereit ist, Dienst in Arbeitstruppen zu tun.

Es werden auch Zwangsarbeiterkompanien aus Deutschen und Spaniern gebildet, die in der unbesetzten südfranzösichen Zone und in den Kolonien eingesetzt werden (klären, ob und inwieweit sie sich von denjenigen unterscheiden, die in den Arbeitstruppen Dienst tun).

In den Lagern wirkt die (deutsche) Kundt-Kommission, deren (offizielle) Aufgabe es ist, deutsche ins Reich zurück zu holen und – zwangsläufig – diejenigen ausfindig zu machen, die nach § 19 des Kapitulationsstatuts auszuliefern sind.

Unklar geblieben ist mir, was seinerzeit die offizielle und legale Ausreise bedeutete. Ich habe notiert, dass erst ab 1940 eine legale Ausreise möglich war.

Ab Sommer 1942 findet in der unbesetzten Zone eine offene Kollaboration zwischen deutschen und französischen Dienststellen statt.

1944 Befreiung Marseilles durch marokkanische und algerische Kolonialtruppen.

Diskussion über das Funktionieren und wechselseitige Ineinandergreifen von deutschen und französischen militärischen und zivilen Bürokratien (Anmerkung: Interessant wäre es aus meiner Sicht gewesen, mehr über die „Alltagsstimmung“ in der französischen Bevölkerung und Presse gegenüber „feindlichen Ausländern“ zu erfahren; ebenso, welche Auswirkungen der Hitler-Stalin-Pakt für die französische Linke, insbesondere für die KPF gehabt hat).



II. Literarischer Stadtrundgang auf den Spuren der Emigranten während des Zweiten Weltkriegs


In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gerät Marseille unter den Einfluss mafiöser Organisationen. Infolge krimineller Auseinandersetzungen (Höhepunkt = Ermordung des jugoslawischen Königs) wird Marseille unter Kuratel der Zentralregierung gestellt.

1936 leben in Marseille 650.000 Menschen. 1940 sind es 700.000, ca. 100.000 davon sind ausreisewillige Flüchtlinge und Exilierte; 30.000 von ihnen beabsichtigen, Richtung USA auszureisen. Von 1940 bis 1941 ist Marseille der einzige legale Auswanderungshafen in Europa.

Das zerstörerische Kriegsgeschehen geht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – an Marseille vorüber. Es gibt vereinzelte kleinere Bombenangriffe. So fallen 1940 ca. fünfzig italienische Bomben auf das Panier – Viertel, die die lokale politische und militärische Führung insofern beunruhigen, als zunächst nicht auszumachen ist, wie die italienischstämmige Bevölkerung auf die Angriffe reagieren wird (Mitte des 20. Jahrhunderts geben 40 % der Marseiller Bevölkerung an, von Italienern abzustammen).

Ab September 1940 formiert sich der (französische) Widerstand in der Stadt: Illegale Flugblätter werden verteilt; Sabotageakte finden statt; einige Bomben werden gezündet.

Im Dezember 1940 besucht Pétain Marseille. Polizei und Militär verhaften „unsichere Elemente“, darunter auch französische und ausländische (Links-)Intellektuelle, und fahren sie für die Dauer des Besuchs in Schiffen aufs Meer hinaus.

1942 erfolgt der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das bis dahin unbesetzte Frankreich.

Im Januar 1943 zerstören französische und deutsche Einheiten der Polizei und des Militärs das Panier – Viertel; mehr als 20.000 Menschen werden zwangsweise umgesiedelt; weit über 1000 Personen werden inhaftiert und deportiert. Über das Schicksal von ca. 700 Huren, die bis zur Sprengung der Häuser in dem Viertel arbeiteten ist bis heute ungeklärt. 11 Häuser des 14 Hektar großen Geländes werden werden als erhaltenswert eingestuft und entgehen der Sprengung, darunter das alte Rathaus, das Gericht, vor dem einst die Guillotine stand und das älteste Haus (Renaissance-)Haus der Stadt, für dessen Erhalt sich heute keiner zuständig fühlt, sodass es dem Zerfall anheimzufallen droht.

Der Wind war so stark, dass ich mich festhalten musste. Ich konnte die ganz Stadt sehen und die Berge, die Kirche Notre-Dame de la Garde, das blaue Viereck des Alten Hafens mit seiner eisernen Überführung und etwas später, sobald der Nebel verdunstete, das offene Meer mit den Inseln. Ich rutschte ein paar Meter weiter. Ich vergaß, was sich unter mir abspielen mochte, das Polizistengejage in allen Stockwerken. Ich sah mir die Joliette an mit ihren zahllosen Hangars und Molen. Doch lagen sie alle leer. Wie ich auch spähte, ich sah kaum ein einziges richtiges Schiff. Mir ging durch den Kopf, dass man gestern in allen Cafés geplappert hatte, es fahre dieser Tage ein Schiff nach Brasilien. Kein Platz für uns alle, dachte ich, die Arche Noah! Von jedem Tier nur ein Paar. Doch damals hat es auch reichen müssen, die Anordnung war weise, wir sind auch wieder vollzählig.


Seghers, Anna: Transit, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1970, Reclams Universal Bibliothek Band 198, S. 59



Der Cours Belsunce, die dritte der großen Marseiller Straßen erfährt seit Ende des 19. Jahrhunderts gravierende Veränderungen – etwa durch den Zuzug von Bevölkerung aus dem nahe gelegenen Panier – Viertel. Das Belsunce viertel, in dem zahlreiche Exillierte Unterschlupf finden, übernimmt teilweise die Funktion des Panierviertels. Zwischen 1950 und 1970 wird alte Bausubstanz niedergerissen. An ihrer Stelle entstehen mehrere Hochhausblöcke, die heute wegen günstiger Mieten und dem attraktiven Blick auf den alten Hafen und das Meer als Wohnung geschätzt werden.


Ich ging in tiefen Gedanken heim. Ich meine damit, ich ging in jenes Hotel, in dem ich seit gestern abend wohnte. Ich sah es zum erstenmal aufmerksam am hellen Tag. Die Gasse war hoch und eng, doch mir gefiel sie. Ihr Name gefiel mir auch. Sie hieß Rue de la Providence. Das Hotel hieß nach der Gasse. Ich hatte mich sehr gefreut, ein Zimmer für mich allein zu haben. Jetzt merkte ich, dass ich erst wieder lernen musste, in einem Zimmer allein zu sein. Ich trat ans Fenster und sah hinunter. Man hatte gerade die Wasserspülung der Gasse geöffnet, ein scharfer Strahl Wasser schleuste eine ganze Flottille voll Schmutz das Pflaster abwärts. Was sollte ich wohl in diesem Zimmer anfangen? Was sollten mir vier Wände? Auf eine Razzia warten? Ich fühlte stark, das einzige, was ich auf Erden noch wirklich fürchtete, war der Verlust meiner Freiheit. Ich würde mich kein drittes Mal mehr einsperren lassen, unter keinen Umständen.


Seghers, Anna: Transit, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1970, Reclams Universal Bibliothek Band 198, S. 55



Im Anschluss an die Einführung in das Thema folgt eine Ortsbesichtigung, während der die Geschichte verschiedener Hotels, Restaurants und Wohnhäuser, in denen sich EmigrantInnen während der Dauer des Hitlerfaschismus aufhielten, dargestellt wird. Das Gleiche gilt für die Straße, in denen sich die Werkstätten der Ausweisfälscher befanden.


Die Cannebiére, Hauptstraße von Marseille, wurde 1940 lebhaft kontrolliert von französischer Polizei, wenn auch in höherem Auftrag. Wen wollten sie eigentlich noch festnehmen, die Verschwörer regierten schon. Aber Papiere: Wer keine Papiere, oder nicht die richtigen hat, wird aus dem Grand Café geholt. Es gleißt mit überlebensgroßen Stukkaturen und Gemälden der weiblichen Typen, die 1890 die reizvollsten waren. Sie lächeln aus den Spiegeln, schwelgerisch umfängt ihr verjährtes Bild den Verzehrer von 1940, vor seinem prozentual herabgesetzten Alkohol, der dreimal wöchentlich erlaubt ist, - und gleich wird jemand nach Papieren fragen.

Eines schwülen Abends blieben wir zu lange auf der Straße sitzen. Wir sahen eine Truppe gegen uns anrücken, es blieb nur übrig, ihr die Stirn zu bieten. Als wir aufbrachen, hielt sie den Rand des Gehsteigs besetzt, der Offizier spähte jedem Passanten unter den Hut, der bei einigen tief im Gesicht saß. Ich fand es geraten, den Kopf höher als sonst zu tragen. Die Gelegenheit empfahl mir dringend, etwas vorzustellen, womöglich den Präfekten der Bouches du Rhone. Der Kommandant des Ordnungsdienstes glaubte es mir, er ließ von mir ab, wir waren vorüber.

Die Augenblicke von Sein oder Nichtsein sind märchenhaft, solange sie spielen: man geht ungläubig hindurch. Nachher überwiegt der Ärger über eine plumpe Falle, in die man sich um ein Haar begeben hätte. (Andere sind aus gleichen Anlässen, die sie etwas zu weit kommen ließen, ohne viel Ehre verunglückt.) Wir vertauschen das kleine Bahnhofshotel, das vielleicht unauffällig, vielleicht verdächtig war, mit dem vornehmsten der Cannebiére, - es konnte auch wieder so und anders ausfallen. Vor allem bekümmerte ich mich ernstlich um die amerikanische Hilfe. Ich hätte nicht gewusst, wo anfangen, indessen ein guter Kamerad war da.

Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt; Aufbau-Verlag Berlin 1947, S. 470 f


Rue  du Relais mit dem Hotel Aumage, in dem Anna Seghers vor ihrer Ausreise in die USA wohnte (beschrieben in ihrem Roman „Transit“). Heute gehört das Hotel der Organisation Residence Sonactra, die damals wie heute für die Unterbringung von Einwanderern zuständig war bzw. ist.


Ich begab mich abermals auf die Zimmersuche. Ich stieß auf einen riesigen formlosen Platz mit beinahe drei dunklen Seiten und einer vierten von Lichtern punktierten, die wie eine Küste aussah. Das war der Belsunce. Ich strebte gegen die Lichter zu, darauf verlor ich mich wieder in einem Netz von Gassen. Ich stieg durch die erste beste Hoteltür eine steile Treppe hinauf zu dem hellen Fenster der Wirtin. Ich war auf ein „Alles besetzt“ gefasst, doch schob mir diese Wirtin sofort ihr Anmeldebuch hin. Sie sah scharf zu, wie ich meinen Flüchtlingsschein abschrieb. Sie fragte mich nach meinem Sauf-Conduit, ich zögerte. Sie lachte und sagte: ‚Ihr Pech, nicht meines, wenn die Razzia kommt! Sie zahlen mir jetzt für die Woche im voraus. Sie sind ja ohne Erlaubnis hier. Sie hätten zuerst die Erlaubnis unseres Präfekten einholen müssen, um nach Marseille zu kommen.

Seghers, Anna: Transit, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1970, Reclams Universal Bibliothek Band 198, S. 47


Die Rue Thubaneau war im 18. und im 19. Jahrhundert eine angesehene Adresse, in der sich namhafte Hotels und Restaurants befanden. Hier tagte während der Französischen Revolution der lokale Club der Jakobiner, in dessen Mitte die Marseilleaise entstand, die die Truppen der Freiwilligen bei ihrem Einmarsch in Paris sangen und die dann später zur Nationalhymne erhoben wurde. In der Rue Thubaneau wirkten Passfälscher wie Drach und Spira.


Im Marseiller Untergrund waren Passfälscherzentralen an der Arbeit. Es gab Papiere in allen Preislagen. Einen gestempelten Entlassungsschein aus einem der Internierungslager konnte man schon für 1000 bis 1500 Francs haben. Eine ‚Carte d’Identité’ oder ein sogenannter Fremdenausweis, ein ‚Certificat d’Identité et de Voyage pour les refugiés provenant d’Allemagne’, kostete je nach Ausführung zwischen 5000 und 20 000 Francs – die Preise schwankten, jedoch war die Tendenz steigend. Ob die Hilfskomitees selber für besonders Gefährdete Ausweise, die auf andere Namen ausgestellt waren, beschafften, weiß ich nicht. Aber, dass sie den Wechsel der Identität beim Grenzübertritt nach Spanien für unerlässlich hielten, ist ein Gegenstand der Weltliteratur (...) Papiere, Papiere, Pässe, Ausreisevisen, Transitvisen, Einreisevisen, Grenzüberschreitung, Gespensterschiffe, die nie ankamen und nie abfuhren, die deutschen Kontrollkommissionen, die die Ausreise oder Flucht von Männern im wehrpflichtigen Alter und von solchen, die auf den Auslieferungslisten standen, zu verhindern hatten, die französische Gendarmerie, die auf unerwünschte Ausländer Jagd machte und die Beute entweder in eines der französischen Gefängnisse oder Lager brachte oder gegebenenfalls den Siegern apportierte – darum also: falsche Papiere, die wie echte aussahen, man kam aus dem Kreislauf nicht hinaus.


Alfred Kantorowicz, Exil in Frankreich – Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten, Christians, Hamburg 1983, S. 170, 173


Vor dem Bahnhof St. Charles unterhalb der großen Freitreppe befand sich das Hotel Splendide, in dem Varian Fry nach seiner Ankunft in Marseille absteigen wollte. Fry wirkte knapp ein Jahr zum Wohl der Emigranten in Marseille. In dieser Zeit wendeten sich etwa 15.000 Hilfesuchende an ihn und seine MitarbeiterInnen; ca. 2.000 wurden von ihm betreut und etwa 1.200 gelang mit seiner und der Unterstützung des Komitees die Ausreise, 560 Personen erhalten Unterstützungsgelder. 1941 wird Fry von französischer Polizei an die spanische Grenze eskortiert und mit der Begründung, er habe zu vielen Juden geholfen, ausgewiesen.


Vor dem Bahnhof gab es keine Taxen, aber viele Gepäckträger. Einer nahm meine Koffer.

„Welches Hotel?“ wollte er wissen.

„Splendide“ sagte ich.

„Haben Sie ein Zimmer bestellt?“

„Nein.“

„Dann werden sie wohl auch keines bekommen“, sagte er. „Versuchen Sie es lieber im Hotel Suisse. Das ist das einzige Hotel in der Stadt, wo es noch Zimmer gibt. In Marseille ist alles von Flüchtlingen belegt.“

„Ich möchte es trotzdem im Splendide versuchen“, sagte ich. Wir überquerten die Straße und gingen die große Treppe zum Boulevard d’Athènes hinunter. Das Splendide war das erste große Gebäude auf der rechten Seite. Zimmer war keines frei, aber ich hinterließ meinen Namen mit der Bitte, mir sobald wie möglich eines zu reservieren. Dann gab ich der Hartnäckigkeit des Gepäckträgers nach und ging mit ihm ins Hotel Suisse. Offensichtlich hatte er mit der Hoteldirektion seine Abmachungen getroffen.

Das Hotel Suisse war eines dieser Familienhotels, von denen es in Frankreich nur so wimmelt. Es roch stark nach Kanalisation und Knoblauch. Aber ein Zimmer war frei. Es lag zur Straße mit Blick auf die Gare St. Charles, den Hauptbahnhof von Marseille. Das auffallendste Einrichtungsstück war ein großes Bidet mit Wasserspülung, das sich kahl und weiß gegen die dunkelgrünen Wände und den mit sechseckigen roten Ziegelplatten ausgelegten Fußboden abhob. Vom Fenster aus hatte ich einen schönen Ausblick auf die monumentale Bahnhofstreppe, den kleinen, sich unmittelbar anschließenden Park und das Ein-Mann-Pissoir unter dem Bahndamm mit der unvermeidlichen Picon-Reklame.


Varian Fry, Auslieferung auf Verlangen – Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/1941, Carl Hanser Verlag, München und Wien, 1986, S. 13 f



Um neun Uhr morgens verließ ich den Bahnhof Saint-Charles, meinen Tornister auf dem Rücken. Die vielen Menschen auf der Straße machten mich schwindelig und nervös. Seit dem Waffenstillstand hatte ich in den gottverlassenen Pyrenäendörfern in einer Art Trance dahinvegetiert. Nun fühle ich mich wie nach einem langen Traum.

Der erste Tag in Marseille war voller Überraschungen. Ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt hörte ich eine Stimme: „Halt, Genosse Koestler!“ Als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, sah ich vor mir die auffallend große Gestalt Dr. Breitscheids, des ehemaligen deutschen Politikers in der legendären Weimarer Republik. Er stand mit einem Freund vor dem Hotel Normandie; sein weißhaariger Kopf überragte die hin und her wogende Menschenmenge.

„Was soll die merkwürdige Kostümierung?“ Er schaute mich von oben bis unten an, und ich erkannte an seinem Blick, dass ich mich veränderte hatte. Aber als wir uns das letztemal in Paris getroffen hatten, war sein Haar noch nicht so weiß gewesen und sein Gesicht nicht so hager und eingefallen. Wir gingen in sein Zimmer. Frau Beitscheid kochte auf einem Spirituskocher Kaffee. Ich erzählte ihnen meine Geschichte, und dann klopften wir an die Wand zum Nachbarzimmer, und im Morgenrock erschien Dr. Hilferding. Hilferding war in jenen längst vergangenen Tagen Finanzminister gewesen. Er und Breitscheid hatten in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands führende Stellungen inne und waren eng befreundet. Wir setzten uns in dem kleine Hotelzimmer auf die Betten, und die beiden erzählten mir, was sich inzwischen ereignet hatte. (…)

Wir tranken Kaffee und aßen Weintrauben. Hilferding und Breitscheid hatten zwar Visa für die Vereinigten Staaten, jedoch keine französische Ausreisegenehmigung. Die Deutschen hatten ihre Auslieferung bisher noch nicht verlangt, aber die Franzosen hielten, getreu der Abmachung, die Ware zur Ablieferung bereit. Ich fragte Breitscheid, warum sie nicht versuchten, ohne Erlaubnis auszureisen. Es gab doch sicher eine Möglichkeit, sich falsche Papiere zu beschaffen oder über einen unbewachten Pass die Pyrenäen zu überqueren. Ich wusste, dass das vorher auch schon anderen gelungen war. Aber Breitscheid wollte davon nichts hören. Er hoffe immer noch, dass Vichy ihnen doch Ausreisegenehmigungen erteilen würde. Man hatte es ihm sogar versprochen. Er und Hilferding waren in der Tradition der Sozialdemokratischen Partei aufgewachsen, der Partei der Legalität und Gerechtigkeit, diesem großartigen Produkt der deutschen Demokratie. Die Sozialdemokraten hatten an die Ehrlichkeit Hindenburgs geglaubt, und er hatte sie an Hitler verraten. Breitscheid und Hilferding vertrauten auf die Anständigkeit eines anderen Marschalls, der sie der Gestapo auslieferte. Ihr individuelles Schicksal spiegelte das Geschick ihrer Nation wieder – die Tragödie der Leichtgläubigkeit und Illusion.

Bevor ich das Hotel Normandie verließ, sagte Breitscheid: „Bisher hat es noch keinen Auslieferungsbefehl gegeben, und ich glaube auch nicht, dass es dazu kommen wird. Es ist undenkbar; der Paragraph 19 im Vertrag ist eine reine Formalität. Er soll Frankreich demütigen, aber sie werden ihn niemals anwenden.

Das war am 15. August. Sechs Monate später, am 11. Februar 1941, wurden Dr. Breitscheid und Dr. Hilferding zusammen mit zwanzig anderen politischen Flüchtlingen von den französischen Behörden der Gestapo übergeben.


Koestler, Arthur: Autobiographische Schriften, Zweiter Band, Abschaum der Erde, Büchergilde Gutenberg, 1971, S. 443 f



AUTOREN: URSULA UND HORST MEKELBURG, 2. Oktober 2006, Marseille



Werkstattprotokolle von Ursula und Horst Mekelburg, die an der Bildungsreise Schreiben auf der Flucht im Oktober 2006 in Marseille teilgenommen haben. In Zusammenarbeit mit dem Verein für arbeitsorientierte Erwachsenenbildung (VaE, Frankfurt a.M.)