SANARY-SUR-MER 2006

SCHREIBWERKSTATT


Das Exil macht einsam und tötet.

Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament, Wüste und Walstatt, zur Wiege der Illusion und zum Friedhof. Das Exil macht einsam und tötet. Freilich belebt es auch und erneuert. Im Exil wird das Café zum einzigen kontinuierlichen Ort. Ich saß in einem Dutzend Exilländern im Café und es war immer dasselbe Café, am Meer, zwischen Bergen, in London in Paris, an den Grachten von Amsterdam, zwischen den Klöstern von Brügge. Ich saß im Caféhaus des Exils und schrieb. (Hermann Kesten)



Sie schwatzten alle unaufhörlich ....


Der Teil des Cafés in dem wir saßen, stieß an die Cannebière. Ich konnte von meinem Platz aus den Alten Hafen übersehen. Ein kleines Kanonenboot lag vor dem Quai des Belges. Die grauen Schornsteine standen hinter der Straße zwischen den dürren Masten der Fischerboote über den Köpfen der Menschen, die den Mont Ventoux mit Rauch und Geschwätz erfüllten. Die

Nachmittagssonne stand über dem Fort. Die Gesichter der Menschen, die durch die Drehtür herein kamen, waren gespannt von Wind und von Unrast. Kein Mensch bekümmerte sich um die Sonne über dem Meer, um die Zinnen der Kirche Saint-Victor, um die Netze, die auf der ganzen Länge des Hafendamms zum Trocknen lagen. Sie schwatzten alle unaufhörlich.... (Auszug aus Transit von Anna Seghers)





...Ich saß im Kaffeehaus des Exils und schrieb. Gegen meine Angst. Die Hoffnungslosigkeit. Die Verzweiflung. Das träge Schaukeln der Schiffe scheint Freiheit zu verheissen – und der Wind zerkräuselt das Palmgewirr mit unverhohlener Dreistigkeit. Will sagen: Du bodenverhaftete Einsamkeit dort unten – warum stehst Du nicht einfach auf und gehst, wohin Dein Geist Dich treibt? Er weiß um nichts, dieser Wind – Naturkind wie ich – und doch mir so unendlich überlegen! Ein Passagier dieser Erde – und ich nur im Holzdeck III. Klasse. Eine papierne Gestalt mit stempelgesichtigem Antlitz. Ein Geduldeter, nicht Geliebter. Verscheucht, getrieben und immer unterwegs: vom Gestern ins Morgen. Und dazwischen das Heute. Mit all meiner Angst, meiner Hoffnungslosigkeit und dem letzten Windzug von Verzweiflung...


Ulrike Müller




Wüste und Walstatt

1.

Zehn Meinungen folgen den Spuren jener Gemeinde der Exilierten. Jetzt sitzen wir auf der Terrasse des Cafés Maritim in Sanary.

2.

Ich stelle mir vor: Besinnlichkeit und Ruhe.

Beschauliche Bequemlichkeit und den Blick auf das Meer.

3.

Ich stelle mir vor: Den Brecht, die dampfende Zigarre im Aschenbecher neben sich, seine Schiebermütze auf dem rasierten Schädel, die Gitarre vor dem Bauch und den Mund voller obszöner Lieder.

4.

Zuerst das Ringen über der Speisekarte. Dazu der beinahe verstellte Blick auf ein trübes Meer.

Keiner singt. Beschaulichkeit spiegelt das Glas mit dem Roten. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

5.

Auf der Walstatt der Meinungen zerplatzen meine bequemen Seifenblasen. Zurück bleibt eine moralische Wüste.

6.

Nach dem Auseinandergehen aller Meinungen frage ich mich, ob Brecht sich eine davon gekauft hätte und welche Meinungen die Gemeinde der Exilierten feilbot, damals, am gleichen Ort.


Horst und Ursula Mekelburg





Es geschah, was alle Tage geschieht und was in dreißig oder fünfzig Jahren weiter geschehen wird. Menschen begegneten einander, gingen vorüber, ohne sich zu besinnen. Arm wird arm sein. Und die Stadt voller Lärm und Geschäft wird Tag für Tag schlucken und ausspeien. Nirgends wir sich ein fester Punkt finden, von dem aus die Welt aus den Angeln zu heben wäre. Dennoch werden wir andere sein, im Guten wie im Bösen, sobald wir aufbrechen und den Platz am Tisch verlassen, auch dann, wenn sie heute die Tür nicht öffnet und niemand herein tritt.


Horst und Ursula Mekelburg





Emigranten-Babel. Das “Passepartout zum Leben”: der Paß, durch den der Mensch zum Jemand wird und aus den Niederungen bloßer Existenz aufsteigt zum “Ich-bin-Wer“ – das Passepartout wird hier gehandelt: im Cafe´der Möglichkeiten. Und die Bedingungen wie Spielkarten aus dem Ärmel gezogen. Der kleine Dicke dort kommt jeden Nachmittag und schachert ruchlos mit “connections“: ein dollargieriges “Wer-Weiß-Was“ hat die Eintrittskarten zum Paradies...Gehst Du zu ihm hin? Machst Dich gemein mit dem, was Du verachtest...? Nein! Nicht. Noch nicht...Vielleicht doch? Zu spät: der Dicke verschwindet im rauchgeschwängerten Emigranten-Babel des Mont Vertoux – und meine Gedanken zerfliessen im Geschwätz...  


Ulrike Müller



LES MILLES 2006

BERICHT


Die Ahnung vom alltäglichen Grauen der Inhaftierten inmitten einer ehemaligen Ziegelfabrik. Da, wo einmal die Wachmannschaft gegessen hat, ist heute ein Museum: das Refektorium perpetuiert die Erinnerung und wir tauchen ein in das Gestern: über sechs Jahrzehnte zuvor aufgetragene Wandmalereien und ein vor wenigen Jahren entstandenes Radio-Feature  nehmen uns an die Hand in den Alltag des Lagerlebens - Max Bellmer malt Max Ernst: sein Gesicht - eine Ziegelmauer. Ernst Hasenclever nimmt sich das Leben - ein Verzweiflungsakt. Hoffnungslosigkeit. Die Angst vor dem Nichts. Das Ende. Lion Feuchtwanger beschreibt es in seinen Erinnerungen an jene Zeit, die er als damals Endfünfziger mit unzähligen anderen Intellektuellen teilt. Robert Liebknecht, Leo Marschütz, Ferdinand Springer und Alfred Otto Wolfgang Schule (der sich WOLS nennt) gehören dazu und setzen ihre Kreativität der Absurdität des Lagers entgegen - Literatur, Malerei, Musik und die Proben zu Goethes FAUST I.


Fast 1800 Intellektuelle, darunter  Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker, Journalisten und Wissenschaftler sind in Les Milles interniert. Anfangs sind es fast nur Deutsche und Österreicher, später auch die Kämpfer der Internationalen Brigaden des  Spanischen Bürgerkrieges, Russen, Italiener, Bulgaren, Ungarn..."Feindliche Ausländer" sind sie nach Kriegsausbruch nun plötzlich alle: Nazi-Gegner und -Anhänger, Kommunisten, Anarchisten und "Apolitische". Freund und Feind zusammengepfercht inmitten von Dreck und Ungemach. 


Im November 1939 wird aus dem Internierungs- das Transitlager. Die Hoffnung, der Ausweglosigkeit nun doch zu entrinnen, weil man um Papiere nachfragen kann. Flüchtlinge aus vieler Herren Länder treffen ein. Die Arbeit schließlich erlöst aus dem sinnlosen Nichtstun:  Küchen werden erneuert, eine große Latrine und eine Müllverbrennungsanlage entstehen, und das  Maleratelier.  

       

Ab Ende 1942 verbleiben nur noch jene im Lager, die weder Möglichkeiten  noch Mittel haben, in die Freiheit zu entkommen. Die meisten von ihnen sind Juden - für sie wird Les Milles zum ersten Vorhof der Hölle:  Transportzüge fahren ab Herbst 1942 auch von hier zu den Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Die Spuren der meisten verlieren sich im Nichts...Menschliche Existenzen - zusammengepfercht auf 25,8 m². Platz für 40 Personen oder 8 Pferde...Ein abgestellter Güterwaggon der Französischen Staatsbahnen soll daran gemahnen, was geschah. Auch hier. Gerade hier. "Gardons En La Memoire Pour Le Present Et l'Avenir..." Eingeritzte Erinnerungsworte auf einer Marmortafel.  In die Mittagshitze schleicht sich  Frösteln und die Frage nur WARUM?


Nach Ende des Völkerschlachtens geht die Ziegelei in Les Milles wieder in Betrieb. Im französischen Nachkriegsaufbruch wird auch die Lagervergangenheit schlichtweg entsorgt. Erst 1993 mag man sich zaghaft erinnern - das ehemalige Refektorium bleibt vorerst vergessen. Der neue Direktor ist es, der die alte Fabrik vor dem  Abriß  bewahrt, und die Wandmalereien im Refektorium tauchen vom Damals ins Heute. "Wenn Eure Teller nicht gut gefüllt sind, werden unsere Zeichnungen Euren Appetit besänftigen..."


Aber wer hat heute schon noch Appetit aufs Gestern?   


Ulrike Müller, 2006


 

Schreibwerkstatt mit deutschen TeilnehmerInnen einer Studien- und Literaturreise, die sie im Herbst 2006 nach Sanary-sur-Mer und Les Milles führte. Nach einem mehrstündigen Rundgang auf den Spuren der Exilkünstler in Sanary-sur-Mer wurden zwei Texte - von Hermann Kesten und Anna Seghers im Café Le Nautique zum Schreibanlass genommen.