Die Reise. Bericht von Jawad - April-Mai 2012


Der Text wurde im Sommer 2012 in der Fotoausstellung

Les migrants von Mathieu Pernot im Atelier de Visu in

Marseille im arabischen Original und in französischer

Übersetzung gezeigt.


Übersetzung ins Deutsche: Dana Lupu                            ARTE-Reportage

Der 26-jährige Afghane Jawad lebt in Frankreich und berichtet von seinen Erlebnissen bzw. Erfahrungen als Flüchtling auf dem Weg nach Frankreich. Er wurde 1986 in einem Armenviertel in Kabul geboren. Bereits drei Jahre später war seine Familie gezwungen Afghanistan zu verlassen, da sein Vater Probleme mit der afghanischen Regierung hatte. Kurz darauf ließ sich die Familie im Iran nieder. Da Jawads Eltern keine Aufenthaltsgenehmigung für dieses Land besaßen, konnte er auch nicht die Schule besuchen, jedoch haben es die Eltern geschafft ihm einen Ausweis bzw. gültige Papiere eines älteren Afghanen zu besorgen. Diese erlaubten ihm die Abendschule zu besuchen und somit lernte er lesen und schreiben. Nach seinem Schulabschluss hatte Jawad den Wunsch an einer islamischen Universität zu studieren, doch aufgrund seiner afghanischen Herkunft blieb ihm dies verwehrt. Seiner Meinung nach ist die afghanische Regierung unfair, weder hilfsbereit noch für den Aufenthalt bzw. die Anwesenheit von afghanischen Flüchtlingen. Nach seinem 17.Geburtstag wurde er im Iran von der Polizei geschnappt und nach Afghanistan zurückgeschickt. Da er in keinem der Länder mehr bleiben konnte, weder im Iran noch in Afghanistan, traf er die Entscheidung auf Reisen zu gehen. Zu Beginn verschlug es ihn in die Türkei und anschließend nach Griechenland, wo er erneut von der Polizei festgehalten und daraufhin in ein Flüchtlingslager geschickt wurde, das einem Gefängnis glich. Dort traf Jawad einen Afghanen, der ihm den Vorschlag machte, nach Norwegen zu gehen, denn dort scheint man Afghanen zu mögen bzw. gut zu behandeln und aufzunehmen. Um nach Norwegen zu gelangen, müsse er Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Dänemark und Schweden durchqueren. So reiste Jawad zuerst nach Mazedonien, dann nach Serbien, wo er zusammen mit Freunden in der Stadt Niz von der Polizei aufgehalten wurde. Es folgte eine Vorladung beim Richter und jeder erhielt eine Geldstrafe von 70€ und 10 Tage Haft. Die gezählten Tage im serbischen Gefängnis fühlten sich wie 100 Jahre für ihn an. Jawad musste sich vor allen Leuten im Gefängnis entkleiden, dreimal am Tag erfolgte eine Kontrolle bzw. Zählung der Insassen und er als Flüchtling war mit Mördern und Drogenschiebern in Haft. Er wurde ohne Papiere entlassen und somit war der junge Afghane erneut auf der Flucht. Nachdem er den Zug nach Subotica in der Nähe der ungarischen Grenze genommen hatte, kam es wieder zu einer Festnahme und richterlichen Anordnung. Entweder Geldzahlung oder Gefangenschaft. Da Jawad kein Geld hatte, musste er erneut in Gewahrsam. Dieses Gefängnis war noch härter als in Nis. Die Gefangenen hatten keinen Zellenausgang, durften sich nur einmal pro Woche waschen und sich nur zwei Minuten im Waschraum aufhalten. Nach seiner Haft flüchtete Jawad nach Ungarn bzw. überschritt die Grenze und wurde wieder festgenommen. In dem ungarischen Flüchtlingslager in Békéscsaba musste er für eine Frucht Schlange stehen und 2-3 Dokumente ausfüllen, die Flüchtlinge wurden videoüberwacht, hatten kein Recht Fragen zu stellen bzw. zu antworten und waren von gewalttätigen Aufsehern umgeben. Doch Jawad gelang die Flucht aus dem Lager und er begab sich anschließend nach Budapest und Wien. Von der österreichischen Hauptstadt aus nahm er den Zug nach Hamburg. Die Reise gelang ihm auch ohne Fahrkarte, da er sich unter dem Bett bzw. Schlafplatz einer alten Dame versteckte, die ihn zwar mitten in der Nacht bemerkte, aber den Vorfall nicht der Polizei meldete. In Hamburg angekommen, war Jawad ganz auf sich allein gestellt, hatte keine Freunde und auch keinen Kontakt zu Bekannten in Deutschland. Es erfolgte erneut eine Festnahme durch die Polizei, und auf dem Kommissariat musste er ein Dokument unterschreiben, dass er sich ohne Papiere in Deutschland aufhält und somit als Krimineller gilt. Seine Situation verschlimmerte sich immer mehr. Jawad kam in ein deutsches Gefängnis, das Erinnerungen an die zwei Weltkriege und die Zeit des Nationalsozialismus wachrief. Vom Gefängnis kam er dann 2-3 Tage in ein Flüchtlingslager, um einen Asylantrag zu stellen. Dort wurde ihm ein Zugticket für ein anderes Flüchtlingslager in Neumünster ausgestellt, wo er drei Monate lebte und sich in dem schönen, renovierten Gebäude wohlfühlte. Doch eines Tages stand die Polizei vor seiner Tür und er wurde per Flugzeug nach Ungarn ausgewiesen. Auf dem Weg nach Budapest packte Jawad die Verzweiflung und er war traurig, da er sein neues Leben sowie seine neu gewonnenen Freunde in Deutschland zurücklassen musste. Schnell stand für den jungen Afghanen fest, dass er die Flucht nach Frankreich versuchen würde, denn er hatte gehört, dass die Franzosen gastfreundlich und einladend sind. Zurück im Lager in Békéscsaba flüchtete Jawad bereits nach der ersten Nacht, doch dabei verletzte er sich seine Hand am Stacheldraht so sehr, dass er sich freiwillig von der Polizei stoppen ließ, um versorgt zu werden. Nach anfänglicher Ablehnung ärztlicher Versorgung wurde Jawad letztendlich ins Krankenhaus gebracht. Nach ungefähr 10 Tagen im Flüchtlingslager kam es zum Umzug in ein Asylbewohnerheim nach Debrecen. Dort lebte Jawad 25 Tage lang wie in einem Gefängnis unter schweren und würdelosen Bedingungen. Jawad macht in seinem Bericht deutlich, dass er Ungarn hasst. Daraufhin beschloss er, mit Freunden nach Frankreich zu reisen. Mit dem Taxi sind sie zuerst nach Österreich, dann nach Italien, wo sie ihn Mailand ausgestiegen sind, um von dort den Zug nach Vintimille/Ventimiglia zu nehmen. Anschließend sind sie dann zu Fuß über die Grenze nach Frankreich gelaufen und in Monaco angekommen. Von da an begann mehrfach der Versuch mit dem Zug in die französische Hauptstadt zu gelangen, weil sich Jawad in Paris ein besseres Leben erhoffte. Zu Beginn haben sie den Bus nach Nizza genommen, um von dort aus nach Paris zu fahren, aber aufgrund von Hunger, Geldnot, durchnässter Kleidung und fehlender Unterkunft ließen sich Jawad und seine Freunde bewusst von der Polizei aufhalten. In Nizza wurden sie am Bahnhof mit Handschellen abgeführt und mit Blaulicht aufs Kommissariat gefahren. Erneut wurde er wie ein Schwerverbrecher behandelt; dabei ist er doch nur ein Flüchtling. Im Gefängnis hat Jawad schlechte Erfahrungen gemacht, da er von der französischen Polizei unfreundlich behandelt wurde und sich die Wächter über ihn und seine Freunde lustig machten. Eigentlich dachte Jawad, dass Frankreich ein gastfreundliches Land sei?! Am darauf folgenden Tag machte er deutlich, dass er in Frankreich bleiben möchte, erhielt seine Papiere und wurde entlassen. Wieder versuchte er ohne Fahrkarte nach Paris zu gelangen, aber er wurde mehrmals vom Schaffner sowie von der Polizei erwischt. Jawad schaffte teilweise kurze Fahrten nach Cannes bzw. Saint Raphaël. Doch er gab nicht auf und schließlich gelang ihm mit seinen Freunden die Zugfahrt nach Paris ohne Zwischenfälle bzw. Fahrscheinkontrolle. In der französischen Hauptstadt beantragten sie Asyl. Doch sie waren arm, hatten kein Zuhause und mussten draußen auf der Strasse auf Pappkartons schlafen. Abschließend schreibt Jawad, dass er es manchmal bedauert kein Hund zu sein, denn die sind seiner Meinung nach in Europa besser dran, als Ausländer bzw. Flüchtlinge.